Coming soon

Ein scheinbar normaler Morgen. Dann kippt alles. Ordnung verschwindet, Regeln verlieren ihre Bedeutung, und aus Menschen werden Beißer.

Generation Z Zwei erzählt von einer Welt nach dem Zusammenbruch und von dem Versuch, Gemeinschaft zu bewahren, wenn nichts mehr sicher ist. Konrad und Kim bewegen sich durch ein Land, in dem Vertrauen ebenso gefährlich geworden ist wie Gewalt.

In Wollfenrath entsteht ein fragiler Schutzraum. Doch die größte Bedrohung kommt nicht nur von außen. Am Ende stehen Entscheidungen, die leise sind, aber unumkehrbar.

Ein Roman über Endzeit. Und über das Danach.

Erhältlich ab dem 22.05.2026 in den gängigen Buchhandlungen.

 

Leseprobe:

Hendrick

Montag, 10. Juli, Tag 6

Die Geräuschkulisse war ekelhaft, verstörend und irgendwie auch kitschig. Das Röcheln und Grunzen aus den Kehlen der Monster erinnerte eher an einen billigen Actionfilm. Die Schar der Beißer, die sich die Hauptstraße hochwalzte, war groß. Bestimmt fünf oder sechs Dutzend, vielleicht sogar mehr dieser Bestien kamen aus dem Nachbarort hoch. Die geradezu ängstliche Stille, die über dem Ort lag, ließ das Geröchel nur noch schlimmer erscheinen.

Sie waren langsam, bewegten sich aber zielstrebig auf den Ort zu. Hendrick sah sich zu seiner Frau um. Tough wie sie war, hielt sie das Schrotgewehr in den Händen. Wie sie es gezeigt bekommen hatten, richtete sich der Doppellauf nach unten. Dennoch konnte er ihre Angst und Nervosität erkennen. Für ihn war klar, dass ihre kleine Zwangsgemeinschaft nur wenig Überlebenschancen hatte. Sie waren gerade einmal 103 Überlebende im Ort, davon 16 Kinder, die nicht kämpfen durften. Ihre Bewaffnung war zwar gut, aber war das ausreichend?

Die Leute, die diese Waffen hielten, waren keine Soldaten, keine ausgebildeten Kämpfer. Sie waren Eltern, Handwerker oder Mechaniker. Die meisten davon voller Sorge oder Trauer um Familienmitglieder und Freunde, deren Wohl und Wehe unbekannt war.

Wenn überhaupt hatten diese Leute in ihrem bisherigen Leben allenfalls auf die Zielscheiben des hiesigen Schützenvereins geschossen.

Malte postierte die möglichen Kämpfer an den Straßenrändern und alle anderen Überlebenden hatten sich verkrochen und bemühten sich, möglichst leise zu sein.

Die Beißer hatten offenbar noch kein Ziel vor Augen und streunten eher langsam und ziellos herum. Doch sobald sie die Anwesenheit von Menschen bemerkten, würden sie zielstrebiger werden. Das hatten die Überlebenden schon am ersten Tag beobachten können.

Malte, der Lokalpolitiker, hatte die Organisation übernommen.

Hendrick selbst war das nur recht. Die Menschen hier hörten auf den Mann. Offensichtlich gab seine ruhige und bestimmende Art den Überlebenden Hoffnung und Zuversicht.

So viele Bewohner der kleinen Ortschaft waren einfach verschwunden und noch nicht wieder aufgetaucht, doch der Rest begann sich zu organisieren und schaffte es, irgendwie zu überleben.

Sie hatten in den letzten Tagen einige kleine Barrikaden errichtet, aber die waren nicht sehr stabil und, da war er sich sicher, würden einem solchen Ansturm nicht standhalten.

Selbst vor einigen Wochen noch war es für ihn unvorstellbar gewesen, sich am Ortseingang zu verschanzen, Barrikaden zu bauen und sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte.

Es gab noch Strom und Wasser aus den Leitungen. Die Automation aller möglichen Versorgungssysteme sorgte dafür. Wie lange das noch so weitergehen würde, konnte niemand auch nur erahnen.

Hendricks Blick fiel auf den Linienbus, der nun schon einige Tage an dem kleinen Busplatz stand. Der Fahrer war eingesperrt und hatte sich auch bereits in einen von »denen« verwandelt. Der Bus selbst würde in seinen Augen aber ein gutes Hindernis darstellen.

Ein paar Meter nach vorne gezogen und die Straße wäre so weit abgesperrt, dass die Beißer nur noch einzeln oder zu zweit vorbeikämen.

Das gäbe den Dorfbewohnern eine realistische Chance.

Doch keiner der Überlebenden, auch Hendrick nicht, traute sich an den Bus heran, in dem der Busfahrer und zwei seiner Passagiere wüteten, sobald jemand zu nah kam.

Kurz dachte er an jenen Abend vor drei Wochen, an dem er mit seiner Frau noch mit den Nachbarn am Grill gesessen hatte. An manchen dieser Abende kamen auch schon mal ernsthaftere Themen auf. So auch an diesem Abend, als sie sich über den Tod, das Sterben und Beerdigungen unterhielten. Hendrick erinnerte sich an den für ihn entscheidenden Satz an diesem Abend:

»Wenn das Letzte, was ich in meinem Leben sehe, das Gesicht meiner Frau ist, habe ich alles richtig gemacht.« Sehr deutlich erinnerte er sich an das Gefühl, aus dem heraus er diesen Satz geäußert hatte. Es war das Gefühl, das er auch jeden Morgen verspürte, wenn er neben ihr aufwachte. Dieses warme Gefühl kurz oberhalb des Bauches, das ihn an jedem Morgen wieder lächeln ließ. Das war wohl Liebe, anders konnte er sich das nicht erklären.

Hendrick war ein einfacher Mann, kein Philosoph, kein Intellektueller, aber auch kein hirnloser Mensch. Nach der mittleren Reife hängte er damals noch das Abitur an, nur um dann festzustellen, wo seine eigentliche Priorität lag.

Er wollte nicht jeden Tag in ein Büro fahren, um endlose Papiere und Tabellen zu beackern. Er hasste Telefone. Dafür liebte er es zu sehr, einfach unterwegs zu sein.

Schon als Kind hatte sein Herz für große und schwere Lkws geschlagen.

Wirtschaftswissenschaften dagegen waren für ihn pure Langeweile. Seine Eltern waren außer sich, als der junge Hendrick verkündete, sein Studium abgebrochen zu haben, um Lkw-Fahrer zu werden. Das ging so lange, bis er dann seine nächste Liebe traf. Alexandra. Die Frau, die ihm auch jetzt noch immer wieder ein leises Lächeln abringen konnte, wenn er sie nur ansah. Die Frau, die ihn einfach nur nahm, wie er war und für die er alles tun würde, denn sie war alles für ihn.

Er konnte den Gedanken nicht ertragen, dass da auf der Hauptstraße der fast sichere Tod für sie näherkam. Der Gedanke, nicht alles getan zu haben, um ihr das Leben zu retten, brach ihm fast das Herz.

Malte kam zu ihm und flüsterte die leise Frage, ob Hendrick bereit sei.

»Ich wurde 'bereit' geboren, Malte«, versuchte Hendrick sich halbherzig mit einem Witz. »Aber die Barrikaden werden nicht reichen, das weißt du.«

Malte nickte zustimmend.

»Wir haben alles versucht, Hendrick. Jetzt können wir nur noch kämpfen.«

»Nicht alles«, erwiderte Hendrick und nickte zu dem Bus hinüber.

»Ich weiß.« Malte wirkte betreten. »Aber wir haben das doch besprochen. Jemand müsste da hinein. Wer soll das...« Malte zögerte.

»Schon okay«, unterbrach ihn der etwas ältere Lkw-Fahrer und hob dabei beschwichtigend eine Hand.

»Was? Wie meinst du das? Mach keinen Scheiß...«

Ohne auf eine Antwort zu warten und ohne Malte die Chance zu geben, ihn aufzuhalten, setzte sich Hendrick in Bewegung. Zuerst überquerte er die Straße und duckte sich noch einmal abwartend in den Schatten eines Hauseingangs. Er sah zurück zu Alex, die ihm verzweifelt fragende Blicke zuwarf.

Ihm wurde klar, dass dies vielleicht der letzte Blick zu ihr sein könnte. Er war so unüberlegt und schnell losgerannt, dass ihm ein Abschied verwehrt blieb. Daher lächelte er, winkte lasch und machte dann eine abwiegelnde 'Alles-OK-Handbewegung' in ihre Richtung.

Und ein bisschen hoffte er, dass dies auch stimmte.

»Abschiede sind doof, mein Herz«, flüsterte er. »Ich hoffe, du weißt, dass ich dich über alles liebe.«

Noch ungefähr 50 bis 60 Meter lagen vor ihm, bis zu dem Bus. Dann musste er den Knopf finden, mit dem sich die Türen öffneten, den Busfahrer und die beiden Passagiere überwältigen und das alles so lautlos wie möglich.

Er schob den Revolver in den Gürtel und zog das lange Fleischmesser, mit dem er noch vor ein paar Tagen das Abendessen zubereitet hatte.

Hendrick atmete noch zwei Mal tief durch und huschte weiter, dabei einen leichten Bogen nach rechts beschreibend, um außerhalb der Sicht der näherkommenden Beißer zu bleiben.

So kam er von hinten an den Bus heran und sah sofort, dass sich die erste Aufgabe leicht lösen ließ.

Am hinteren Einstieg des Busses fand sich ein Knopf, dessen Beschriftung »Tür öffnen« eindeutig war.

Noch einmal Luft holen, sich sammeln, den Knopf drücken.

Angeekelt wich er zurück. Der Gestank war unglaublich und raubte ihm geradezu den Atem.

Ein Problem, das diese Biester offenbar nicht hatten, denn der erste Passagier warf sich aus der etwas erhöhten Position oben in dem Bus geradezu auf ihn.

Hendrick gelang es gerade noch, sein Messer hochzureißen und dem Beißer in den Kopf zu rammen. Glücklicherweise steckte es nicht so fest, vermutlich war durch die Hitze in dem Bus die allgegenwärtige Verwesung schneller.

So konnte er die Klinge gleich dem nächsten Beißer entgegenstoßen. Doch sein Angriff schlug dramatisch fehl und die Klinge drang tief in die Schulter des Wesens, das einmal eine junge Frau gewesen war und erreichte keinerlei Stoppwirkung. Die Frau fiel einfach gegen ihn, drängte ihn zwei oder drei Schritte zurück und versuchte wie ein tollwütiger Hund nach ihm zu schnappen.

Es gelang ihm, mit dem linken Unterarm an ihrer Kehle den Kopf und die gefährlichen Zähne auf Distanz zu halten, das Messer aus ihrer Schulter zu reißen und erneut zuzustechen. Diesmal traf er gut und die Klinge fuhr tief in den Kopf der Frau, um auch diese unselige Existenz endgültig zu beenden.

Den Kopf treffen, das Hirn zerstören. Das hatten die Überlebenden bereits am ersten Tag lernen müssen. In der Welt, in der sie nun lebten, schafften es eben nur die, die schnell lernten. Und dazu noch das Glück hatten, neben einem Sportschützen zu stehen, welcher durch ein paar Kopftreffer genau das herausfand.